Dienstag, 3. Mai 2016

Geschichten aus der Sklaverei (I): Die Prinzen von Calabar (Teil 1)

Die Prinzen von Calabar (Teil 1)

Der transatlantische Sklavenhandel wurde zur größten Zwangsumsiedlung der Menschheit, bei der schätzungsweise elf Millionen Menschen zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert  in die Neue Welt und nach Europa verschleppt wurden. Dieses immense Ausmaß konnte von den Opfern naturgemäß kaum dokumentiert werden. Dennoch gibt es einige wenig bekannte, spärliche Zeugnisse von Betroffenen.
In einer mehrteiligen Serie zum Sklavenhandel und ihren unterschiedlichen Folgen möchte ich einige dieser Zeugnisse vorstellen. In ihnen wird dieses belastende Thema weg von der bloßen Aufzählung geschichtlicher Fakten hin zu anschaulichen Geschichten von Einzelschicksalen verlagert, die trotz ihrer Einzigartigkeit und ihrer unterschiedlichen Perspektiven erhebliche Teile des blutigen Geschäfts beleuchten. Nicht zuletzt begreift man über sie die tiefgreifenden und verstörenden Veränderungen, die sich in den westafrikanischen Königreichen durch Sklavenhandel vollzog. In Anthony Hazard's Animationsfilm "The Atlantic Slave Trade" werden diese Veränderungen anschaulich gezeigt:

“Die Prinzen von Calabar“ heißt das Buch des Historikers Randy J. Sparks aus New Orleans. In ihm beschreibt er seinen zufälligen Fund eines Briefwechsels von zwei versehentlich verschleppten afrikanischen Sklavenhändlern bei ihrem verzweifelten Kampf um ihre Befreiung. Sparks hat diesen Briefwechsel historisch aufgearbeitet und kommt dabei zu atemberaubenden Schlüssen. Sie beleuchten nicht nur das transatlantische Geflecht des afrikanisch-europäischen Sklavenhandles, sondern auch die beginnende Antisklaverei-Bewegung in Bristol. Dort beginnt der Briefwechsel zwischen den beiden Prinzen und den Brüdern Charles und John Wesley. Die Wesley-Brüder gehörten der Methodistenkirche in Bristol an, die zusammen mit der Quäkerbewegung die Sklaverei als verbrecherische Sünde ablehnten und sich für die Befreiung der beiden Prinzen einsetzten. In seinem Buch rekonstruiert er anhand der Briefe die Geschichte der Verschleppung und Befreiung der beiden afrikanischen Sklavenhändler Ephraim und Ancona Robin Robin-John.
Die Strukturen des Sklavenhandels in Old Calabar, Nigeria 

Ephraim und Ancona Robin Robin-John waren um 1750 Bewohner der heutigen nigerianischen Küstenregion, der Bucht von Biafra, und als solche den Kontakt mit britischen Handelsleuten gewohnt. Als Mitglieder einer der führenden Herrscherfamilien trugen sie den Prinzentitel und waren äußerst gebildet. Sie sprachen ein vereinfachtes Handelsenglisch mit englischem Wortschatz und afrikanischer Grammatik, das sich im Laufe des Sklavenhandels herausgebildet hatte. Überdies konnten sie sich elegant und angepasst in der Gesellschaft britischer Handelsleute und Kapitäne bewegen. Sie waren selbstbewusst und stolz auf ihren Umgang mit den Briten und dazu äußerst geschickte Handelspartner. Es war gar keine Frage, dass man ihnen auf Augenhöhe zu begegnen hatte.
Fußfessel für Sklaven, Musée de la civilisation celtique, Bibracte, Frankreich. Quelle.Urban/wikimedia.
Großkönig George, wie sich ihr Oberhaupt im noch nicht kolonialisierten Nigerdelta nannte, war besessen auf europäische Waren und ahmte zudem britisches Hofgebahren und deren Herrschertitel nach. So hatte er sich selbst den Fantasie-Titel des Großkönigs gegeben. Im Laufe des 18. Jahrhunderts blühte der Sklavenhandel richtig auf und brachte ihm erheblichen Reichtum und Machtzuwachs ein. Der Handel mit den Kapitänen der britischen Schiffe, die saisonal an der Küste anlegten, war vielfältig. Die Schiffe mussten zunächst mit Nahrungsmittel versorgt werden. Denn mit der Beschaffung der Sklaven wurde erst nach genauer Bestellung begonnen, was die Besatzung der Schiffe dazu zwang, monatelang am Cross River auf Reede zu liegen, was dem Großkönig und seiner Handelselite zusätzlichen Gewinn einbrachte. Denn zur Selbstversorgung mussten die Schiffsbesatzungen die landwirtschaftlichen Produkte der Region kaufen, um sich während der langen bis zu drei Monate währenden Wartezeit zu ernähren. Während dieser Wartezeit wurde das Schiff umgebaut und mit den bekannten engen Zwischendecks ausgestattet, um möglichst viele Sklaven aufnehmen zu können.

In dieser Zeit gab es zwischen den Chiefs und den Kapitänen mächtige Gelage allerfreundschaftlichster Art bis hin zum Austausch von Geschenken. Die Briten gewährten einigen Händlern Kredit, die ihnen dafür ihre Söhne als Unterpfand mitgaben. Sie sollten diese auf ihrer Fahrt in die Neue Welt und nach England mitnehmen und ausbilden, wo sie bei der nächsten Überfahrt wieder ausgelöst wurden.
Am Unterlauf eines Flusses gelegen, der ins Hinterland führte und beste Bedingungen zum Kauf oder Raub von Menschen bereitstellte, bot die Siedlung von Großkönig George außerdem den Vorteil des Erstkontakts mit den neuangekommenen Schiffen. Ein Lotse navigierte die Schiffe – oft mehrere bis zu neun Handelsfrachter – den Flusslauf hinauf. An jeder Station mussten Abgaben bezahlt werden, was neben den erhöhten Preisen für die Sklaven im Laufe der Jahre zu immer mehr Verstimmungen bei den britischen Handelspartnern führte. Nach einem zeremoniellen Empfang begann das teils zähe Aushandeln der Geschäfte. Eine ausgeklügelte Arbeitsteilung startete daraufhin mit der Beschaffung der Menschenware. Mit dem Sklavenhandel begann der neue Wirtschaftszweig der “Kanuhäuser“.

An anti-slavery map with an unusual perspective centered on West Africa, which is in the light,
and contrasting the U. S. and Europe in the dark, wikimedia

Schnelle, bis zu hunderten von gut ausgebildeten Arbeitskräften, die quer zu Verwandtschaftsbeziehungen und Ethnien nur durch Leistung zu gesellschaftlichem Aufstieg fanden, paddelten die Kanus durch die Flussläufe. Dort trafen sie die Ethnie der Aros, die über ausgebildete, im Laufe des Geschäfts immer besser bewaffnete Söldnertruppen verfügten. Sie kauften die Sklaven den am Ufer liegenden Dörfern ab - in der Nacht überfielen sie allerdings andere Dörfer und raubten Menschen, was mit zunehmender Nachfrage immer häufiger nötig wurde. Dieser Ablauf der Geschäfte bedingte, dass die Händlerdynastie von Großkönig George die Regie des Austauschs der menschlichen “Ware“ fast komplett kontrollierte. Hierzu schreibt Sparks:
Für die Zeit zwischen 1725 und 1750 ist in Old Calabar der Export von 17.000 Sklaven nachgewiesen. In den Folgejahren weitete sich der Handel dramatisch aus: Zwischen 1750 und 1775 waren bereits über 62.000 Menschen auf den Sklavenschiffen eingepfercht. Insgesamt sind während des 18. Jahrhunderts fast 1,2 Millionen Bewohner von Old Calabar aus dem Einzugsgebiet des Cross River und des Niger verschleppt worden.
Einige dieser Sklavenverkäufe dienten den Dorfgemeinschaften zur Entsorgung unliebsamer Außenseiter und Krimineller. Andere verkauften sich selbst, um dem Hungertod zu entgehen oder wurden von ihren Familien aus Not verkauft. Sklaven waren in Old Calabar und auch vielen anderen afrikanischen Gegenden nicht fremd. Sie waren Bestandteil reicherer Familien, konnten aber durch Arbeit aufsteigen und sich freikaufen. Ihr Verhältnis zu ihren Besitzern war oft herzlich, fast familiär. Sklaven konnten sogar selbst wieder Sklaven besitzen und diese für sich arbeiten lassen.

Das Cover des Buches "Die Prinzen von Calabar von Randy J. Sparks.
Das Komplott und die Verschleppung der Prinzen von Calabar

Old Town des Großkönigs George wuchs durch den Handel mit den britischen Seeleuten zu beträchtlichem Reichtum auf, was die Begehrlichkeit der anderen großen Kaufmannsfamilie, den Dukes, am oberen Flusslauf weckte. Sie wollten ihren Anteil an diesem lukrativen Geschäft und setzten schließlich eine neue Ansiedlung namens New Town direkt vor die Nase der alten, um als erste an die Neuankömmlinge heran zu kommen. Sie nutzten ihre Kontakte mit den Briten, um die Herrscher von Old Town aus dem Sklavengeschäft zu verdrängen. Dazu schmiedeten sie mit Kapitän James Berry aus Liverpool einen Komplott. Dieser hatte sich schon länger über die Robin-Johns beschwert, weil sie die Preise wie auch den Ablauf des Geschäfts weiter nach ihren Gesetzen bestimmen wollten und selbstbewusst genug waren, ein Geschäft wegen zu niedriger Preise abzulehnen. Die Einhaltung der Geschäftsregeln überwachte eine Geheimgesellschaft, die zunächst von der Handelselite des Großkönigs bestimmt wurde. Sie bestrafte säumige Schuldner - auch die der eigenen Leute, bestrafte bei nicht zurückgezahlten Krediten und sprach die Preise ab, die nicht unterboten werden durften.

Bei dieser durchorganisierten Form des Geschäfts gelang es den Briten nicht - wie an manchen anderen Küstenorten Afrikas - eigene Handelsniederlassungen zu errichten. Sie mussten sich den Regeln ihrer afrikanischen Partner unterwerfen. In dieser Geheimgesellschaft hatten die Dukes mit zäher Geduld und strategischem Geschick über die Jahre immer mehr Einfluss gewonnen. Der Unmut vieler Kapitäne über die Arroganz der Efik-Ethnie und die seit langem ausgeklügelten Bündnisse der Dukes mit den Briten führte zwischen ihnen und den Briten zu einem folgenreichen Komplott. Von den neun Schiffen, die zu dieser Zeit in der Bucht lagerten, waren sieben Kapitäne bereit, nach den Plänen der Dukes die gesamte Handelselite des Großkönigs in einen Hinterhalt zu locken: Sie sollten ihn mit seiner Entourage auf die Schiffe einladen, um dann am nächsten Tag mit den Dukes zusammen zu treffen unter dem Vorwand, die Querelen zwischen den beiden Handelshäusern endlich beizulegen, die die Geschäfte aller Beteiligten zunehmend belasteten. Arglos und von seiner Bedeutung erfüllt, weil er schon vor ihren Konkurrenten über Nacht zu den Schiffen geladen wurde, ging Großkönig George mit fast 400 Mann an Bord, um am nächsten Tag von den hochbewaffneten Dukes gemeinsam mit der britischen Besatzung fast vollständig abgeschlachtet zu werden.
1898 Map of the Niger Delta, Harold Bindloss / wikimedia
Während der Großkönig schwer verletzt entkommen konnte, misslang den beiden Prinzen Ephraim und Ancona die Flucht von Bord. Sie wurden als Gefangene nach Virginia verschleppt und dort als Sklaven verkauft. Damit konnten sie die Grausamkeit der Überfahrt und die unerträgliche Behandlung der Sklaven an Bord buchstäblich am eigenen Leib erfahren. Allerdings fühlten sie sich diesen Menschen keineswegs ebenbürtig. Sie waren ja nur aus Versehen in diese Lage geraten und wussten außerdem genau, was sie erwartete, während die ‘echten‘ Sklaven vor Angst wie gelähmt waren. Einige von ihnen begingen Selbstmord oder verweigerten die Nahrung, weil viele von ihnen glaubten, sie würden von den Weißen geschlachtet und verzehrt. Die beiden Prinzen konnten wegen ihrer Sprachfertigkeit und ihrer Umgangsformen - schließlich waren die Besatzungsmitglieder ihnen bestens bekannt - vermutlich eine Sonderstellung erreichen, obwohl es ihnen nicht gelang, dass man ihnen glaubte.

Fortsetzung hier.

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